Edelfest 2025 "Goldene Zwanziger"

Am 15. Februar fand das Edelfest der Promo 21/25 statt. Zu Charlestonklängen und alkoholfreiem Gin Tonic wurde an diesem Abend kräftig getanzt und erzählt.


Gold glänzt wie neu dank Alkohol und Pinsel - Restaurierung des Hochaltars

Wie Markus Heberle dem berühmten Blaubeurer Kunstwerk wieder zu früherer Strahlkraft verholfen hat.

von Thomas Spanhel, Das Blaumännle, 22.11.2024

Die Blattgold-Flächen des weltberühmten Blaubeurer Hochaltars glänzen wieder frisch. Staub und Schimmel hatten sich auf dem 530 Jahre alten Meisterwerk aus Ulmer Künstlerwerkstätten breit gemacht. In aufwendiger Detailarbeit und im Rahmen der „größten Restaurierung seit 30 Jahren“ hat der Sachverständige Markus Heberle den Altar wieder soweit möglich in seinen Originalzustand verwandelt.
Heberle liebt die Arbeit an dem viel gerühmten Kunstwerk: „Von der Qualität der verwendeten Materialen bis zur malerischen Ausführung: Das war damals das Beste vom Besten in ganz Süddeutschland.“ Das Kloster als Auftraggeber hatte genug Geld, um sich ein so außergewöhnliches Schmuckstück leisten zu können. Das mache sich in jedem Detail bemerkbar, erläutert Heberle: Die Künstler damals haben beispielsweise „drei Mal so dickes Gold aufgetragen, wie wenn man das heute machen würde“. Die verwendete blaue Farbe wirke ganz samtig auch wegen der Verwendung von Eiweiß und Halbedelsteinen bei der Herstellung. Entsprechend  wenige Stellen an dem Altar seien selbst nach über 500 Jahren beschädigt oder mussten retuschiert werden.
Hauptproblem war in den vergangenen Jahren die Schimmelbildung aufgrund der Feuchtigkeit im Raum. Auch weil Heberle bei jährlichen Kontroll-Untersuchungen die Ausbreitung des Schimmels vor allem auf den 16 Gemälden der Lebensgeschichte von Johannes dem Täufer mitverfolgte und dokumentierte, entschied sich das Land als Eigentümer des Hochaltars schließlich dafür, im Sommer ein neues Lüftungssystem im Chorraum einzubauen. Außerdem wurde der Kriechgang unter dem Chorgestühl trockengelegt. Ein neuer Vorhang am Zugang zur Petrikapelle verhindert jetzt das unkontrollierte Nachströmen von feuchter Frischluft.
Der besondere Standort der Klosteranlage in einem Talwinkel und die vom Blautopf erhöhte Feuchtigkeits-Abgabe hatten im Chorraum „zu bauphysikalischen und darauffolgend zu mikrobiologischen Schäden“ geführt, erläutert Diana Marquardt, Abteilungsleiterin bei der Staatlichen Vermögens- und Hochbauverwaltung. Der Unterschied gegenüber der etwas muffigen Raumluft früher fällt jedenfalls sofort auf, wenn man jetzt in den frisch belüfteten Chorraum tritt.
Auch wegen der Bauarbeiten an der neuen Lüftungsanlage legte sich Staub auf den Altar, eine gründliche Reinigung wurde nötig. Mit einem weichen Ziegenhaar-Pinsel und Staubsauger wurde in einem ersten Schritt grober Schmutz von einzelnen Teilen des Kunstwerks geholt. Im zweiten Schritt holte Heberle festsitzendere Verschmutzungen wie etwa Schimmel von den Oberflächen. Und in einem dritten Schritt desinfizierte der Restaurator die Oberflächen mit einem speziellen Alkoholgemisch, um zu verhindern, dass sich der Schimmel schnell wieder ausbreitet. Gut zwei Stunden braucht Heberle, um etwa Maria mit Jesuskind, die zentrale, mehr als lebensgroße geschnitzte Schreinfigur des Ulmer Meisters Michel Erhart komplett zu restaurieren. Und beispielsweise die feine Farbgebung auf den Skulpturen wieder zur Geltung zu bringen: „Es ist eine wunderbare Sache, wie nahtlos bei Maria die fleischfarbene Blässe der Haut in ihr zartes Wangenrot übergeht“,  schwärmt er.
Die Zeit, in der das Gerüst für die Restaurierung vor dem Altar stand, nutzten auch Schulleiter Jochen Schäffler und Schüler des Evangelischen Seminars, um die Besonderheiten des Hochaltars aus der Nähe zu bewundern. Schäffler faszinierten besonders die kleinen, teils auch humorvollen Details, die in die Tafelbilder des Altars vor allem vom Maler Bartholomäus Zeitblom und dem unbekannten „Meister der Blaubeurer Kreuzigung“ eingearbeitet sind. So etwa ein Mann, der sich mit Klettereisen in eine steile Felswand wagt, ein idyllischer Bauerngarten oder die reich verzierten Kleidungs-Borten der Frauen. „Interessant sind auch die vielen Graffiti überall auf dem Altar“, berichtet Schäffler: Darunter befinden sich Klosterschüler aus vier Jahrhunderten, die sich in dem Kunstwerk verewigen wollten. Mit rund 25 Seminarschülern veranstaltete der Schulleiter während der Altarrestaurierung eine besondere Aktion: 24 Stunden lang schlüpften die Jugendlichen in die Rolle eines mittelalterlichen Mönches – und ließen sich von Heberle auch ins Handwerk eines Restaurators einführen. Schäffler hofft, dass der Hochaltar auch in seinen gewandelten Formen mit den großartigen Gemälden zu liturgischen Zwecken noch öfter sichtbar wird. Momentan werden die Seitenflügel des Altars aus Gründen der Erhaltung nur ganz selten bewegt.


Streiter wider den Hass - 4. Blaubeurer Stadtgespräch mit Heribert Prantl am 8.11.2024

 Um Demokratie – vor allem ihren Schutz – ging es in den Stadtgesprächen mit dem bekannten Publizisten und Juristen Heribert Prantl.
Margot Autenrieth-Kronenthaler, Blaumännle / SWP, 15.11.2024

Ist die Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr? Darf man sagen, was man denkt?
Um solche Fragen ging es beim 4. Blaubeurer Stadtgespräch im Klosterkirchensaal. Zu Gast war der renommierte Publizist Prof. Heribert Prantl, der in einem anderthalbstündigen Vortrag seine Sicht der Dinge darstellte und nicht zuletzt ein politisches Betätigungsverbot für Neonazis wie etwa Björn Höcke (AfD) sowie ein  Verbotsverfahren gegen die AfD forderte.
Ephorus Jochen Schäffler konnte als Hausherr gut 200 Besucher begrüßen. Der Abend wurde von Dekan Frithjof Schwesig moderiert. Er stellte Prantl vor – als einen politischen, streitbaren Journalisten, als kenntnisreichen Kolumnisten der Süddeutschen Zeitung, als engagierten Zeitzeugen und bekennenden katholischen
Christen. Zudem ist Prantl studierter Jurist und war vor seiner journalistischen Karriere als Richter und Staatsanwalt tätig.
Mit seiner markanten Stimme sprach Prantl die Zuhörer immer wieder als Demokratinnen und Demokraten an. „Die Meinungsfreiheit ist der innerste Kern der Demokratie, und mit ihr steht und fällt sie“, sagte der Publizist.

Grenzen der Meinungsfreiheit würden nur durch das Strafrecht gesetzt. Wenn es Orgien aus Hass, Ehrverletzungen, aggressivem Mobbing, Schmähkritik oder Hetze gibt, sei die rote Linie überschritten. „Ich stand fassungslos vor der Verrohung, das Internet wurde zur Kloake.“ Meinungsfreiheit sei jedoch nie eine Mehrheits-Meinungsfreiheit, betonte er. Sie sei immer auch das Recht der Andersdenkenden. Wenn Grenzen überschritten werden, müsse das Konsequenzen haben. Er kritisierte die oft inkonsequente Strafverfolgung. Die Justiz sei noch nicht richtig aufgestellt und müsse schnell personell und technisch in die Lage versetzt werden,  konsequent reagieren zu können, forderte Prantl.
Die Demokratie sei das erfolgreichste, beste „Betriebssystem“, mit dem die Zukunft miteinander gestaltet werden könne. Gerade Autokraten rechtfertigten ihren Machterhalt mit „demokratischen“ Wahlen. „Ich fürchte, in den USA müssen wir in Kürze diese Pervertierung erleben.“ Die Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit seien stützende Institutionen für die Demokratie. Pressefreiheit brauche es, um die Grundrechte zu verteidigen. Prantl forderte einen verantwortungsvollen, qualitativ hochwertigen Journalismus.

Wie erkennt man guten Journalismus? Journalisten müssten sachkundig, neugierig, ausdauernd, wahrheitsliebend, souverän, sorgfältig und mit einem Aufklärungsinteresse arbeiten, lautete seine Antwort.  „Journalismus braucht Qualität. Es geht nicht um Klicks oder Auflage, sondern um die Frage, wie man Vertrauen schafft“, appellierte er. Die Macht und die Mächtigen gelte es zu kontrollieren, die Wahrheit müsse ans Licht, etwa durch Aufdeckung von Skandalen. Der Journalismus könne als Moderator und Motor für Veränderung tätig werden. Die Pressefreiheit müsse die Würde des Menschen verteidigen, gerade die der Minderheiten. Es gelte, gegen den Hass zu arbeiten, zu schreiben, zu senden, forderte Prantl. „Der Hass ist mächtig, eine furchtbare Kraft. Er entmenschlicht.“ Die Demokratie bilde auch eine Wertegemeinschaft, und wer diese Werte aktiv bekämpfe wie Björn Höcke und andere Neonazis, der missbrauche das Grundgesetz und gehöre mit Einsatz  von Artikel 18 mit einem politischen Aktionsverbot belegt, forderte Prantl. Der Publizist plädierte für eine streitbare und wehrhafte Demokratie. „Wer die Grundrechte missbraucht, der verwirkt sie. Der Notfall ist eingetreten.“
In der anschließenden Fragerunde erhielt er spontanen Beifall, als er die Einleitung eines AfDVerbotsverfahrens forderte. Er habe die Radikalisierung beobachtet. Er werte damit nicht die Wähler. „Man muss die Partei politisch und auf dem juristischen Weg bekämpfen, mit den Mitteln und Möglichkeiten des Grundgesetzes.“ Auch auf die Gefahr hin, dass es misslingt? „Ich würde es trotzdem probieren wollen“, sagte Prantl. Die Besucher kamen noch miteinander in lebhafte Gespräche. Am Büchertisch fanden Prantls Werke guten Absatz. Der Abend klang im Kreuzgang bei Kerzenlicht und Liedern aus.


Klostertag

Auf Initiative semi-seits fand am 18./19. Oktober der erste Blaubeurer Klostertag statt: Mit zwei Dutzend weiß gewandeten Mönchen und Nonnen war die Klausur besser gefüllt als zu den Hochzeiten des Benediktiner-Konventes. Die gregorianischen Melodien der Gebete im Kapitelsaal (alle drei Stunden!) erklangen sicher, bei den Arbeitseinsätzen (im Kreuzgarten, in der Klosterküche, im Skriptorium, beim Töpfern und bei der Kräuterkunde) war man fleißig. Gemäß der Benediktsregel lebten alle hinreichend gehorsam, keusch und besitzlos (=> Handys wurden abgegeben) – nur mit der Tugend des Schweigens haperte es ein wenig.

Am Freitagabend stellten wir in der Abtskapelle fest, dass das komplette Markus-Evangelium in 110 Minuten gemeinsam durchgelesen werden kann: Das ist weniger als das obligatorische wöchentliche AZ-Pensum! Zusammen mit den Gebetszeiten war der Klostertag somit auch eine tiefe spirituelle Erfahrung.

Wir danken herzlich Frau Heiter, Frau Lempp, Frau Fuchs, Frau Ungers, Herrn Schradi, Herrn Gengnagel und Herrn Liermann für die Gestaltung der Workshops und der Stundengebete! Toll, dass sie dieses Projekt möglich gemacht haben.

 


Seminarschulen feiern „50 Jahre Mädchen in Blaubeuren“ mit einem gemeinsamen Fest

Mit einem Begegnungsfest haben die Evangelischen Seminare Blaubeuren und Maulbronn zusammen mit Zeitzeuginnen am 11. Oktober 2024 ein Jubiläum der besonderen Art gefeiert. Seit 1974 können Mädchen dieses Gymnasium mit Internat in Blaubeuren besuchen.
Begonnen hatte dies offiziell schon 1971 im mittlerweile geschlossenen Seminar Schöntal und 1972 im Seminar Maulbronn. Im Hintergrundgespräch erklärte Jochen Schäffler, der Ephorus (Schulleiter) des Evangelischen Seminars Blaubeuren, dass zwei historische Gründe für die Ausweitung ausschlaggebend waren. Der eine sei, dass der Zweck der Schule die Vorbereitung auf ein mögliches Theologiestudium sei. Deshalb waren die Schulen über 400 Jahre den Jungen vorbehalten. Erst Ende der 60er Jahre wurde die Frauenordination in Württemberg eingeführt. Konsequenterweise wurden dann mit zeitlicher Verzögerung an den Seminarschulen auch Schülerinnen aufgenommen. „Der andere Grund ist aber, dass man die Seminare attraktiv halten wollte“, sagte Schäffler. Ende der 60er Jahre ging die Nachfrage zurück. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass landesweit neue Progymnasien und Gymnasien errichtet wurden, sodass man überall Abitur machen konnte, ohne lange Wege. Man habe dann beschlossen, dass es auch attraktiver für die Seminare sei, wenn man auch Schülerinnen aufnimmt.Heute gibt es mehr Mädchen als Jungen an den beiden Seminaren in Maulbronn und Blaubeuren. Die Evangelischen Seminare sind staatliche Gymnasien für die Klassen 9 bis 12 mit einem Internat in kirchlicher Trägerschaft. Alle Seminaristinnen und Seminaristen haben ein Stipendium, da der Besuch dieser Schulen nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Elternhäuser abhängig sein soll. Pro Jahrgang bieten beide Seminare jeweils 25 Plätze an. Eine Aufnahme in die 9. Klasse erfolgt über das „Landexamen“, eine mehrtägige Aufnahmefreizeit. In den höheren Klassen ist ein Quereinstieg möglich.

Miteinander in Vielfalt leben


Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami (Foto: Miklas Hahn, Seminarstiftung)

In ihrem Grußwort betonte Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami, die sich als Leiterin des Bildungsdezernats der württembergischen Landeskirche mit allen Fragen kirchlicher Bildung beschäftigt, dass Mädchenschulen schon bei den Reformatoren Martin Luther, Philipp Melanchton und dem württembergischen Reformator Johannes Brenz ein wichtiges Anliegen gewesen seien. Für Mädchen habe es aber nur eine Pflichtstunde gegeben, denn sie waren eher auf die Rollen als Haus und Mutter festgelegt. Im Blick auf Mädchen und Frauen sei das „reformatorische Potential“ erst Jahrhunderte später entfaltet worden. Die heutigen Schülerinnen und Schülern bestärkte sie darin, die Vielfalt zu feiern. „Ihr seid die Generation, die ihre Zukunft gestaltet. Lebt hier ein Miteinander in Vielfalt vor. So gebt ihr wichtige Impulse in unsere Gesellschaft, die immer noch viele Menschen ausschließt, die aber schon wieder dabei ist, Rollen und Geschlechter fest zu zementieren“, so Rivuzumwami. So könnten die Evangelischen Seminare ein Vorbild sein, gleich welchen Geschlechts miteinander in Vielfalt leben.

Von Jungenschulen zu koedukativen Schulen

In einem Impulsvortrag beschrieb die Historikerin und Theologin Dr. Karin Oehlmann (Düsseldorf) in „vier Sphären“, wie sich die Evangelischen Seminare seit den späten 60er und frühen 70er Jahren von Jungenschulen zu koedukativen Schulen entwickelt haben. Dabei habe die Weltlage, gesellschaftliche Entwicklungen, die Bildungspolitik und die Entwicklung in den Seminaren selbst eine Rolle gespielt. Die reguläre Aufnahme von Mädchen ab der Promotion 1972/1974 sei „nicht etwa eine große, gewollte pädagogische Pioniertat“ gewesen. Vielmehr hätten sich die Seminare damit etwas Zeit und Spielraum verschafft, um den Umbau in Folge der Oberstufenreform besser und durchdachter auf den Weg bringen zu können.

Dr. Karin Oehlmann (Foto: Miklas Hahn - Seminarstiftung)

Lebendige Berichte von Zeitzeuginnen

An die Anfangszeiten der Mädchen im Seminar erinnerten fünf ehemalige Absolventinnen. Beeindruck waren sie damals von den vielen Diskussionen, den Schutzräumen und der „Laborsituation“ an der Schule. Die Lehrer hätten sie von Anfang an ernst genommen und Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung geboten, die Seminare seien von Vertrauen und Freiheit geprägt gewesen. Die Befürchtung der Eltern einer der ersten Seminaristinnen, sie könne sich dann „nicht einmal eine Zahnbürste alleine kaufen“, habe sich nicht bestätigt.


Zeitzeuginnen gestern und heute, von links nach rechts: Petra Boldt (71/75), Hannelore Bohner (71/75), Cornelia Bossert (72/76), Theresa Löhr (20/24), Dr. Adelheid Ruck-Schröder (80/85) (Foto: Miklas Hahn - Seminarstiftung)

Seminarzeit als „Schule der Freiheit“

Am Rande der Veranstaltung erzählte Adelheid Ruck-Schröder, Regionalbischöfin des Sprengels Hildesheim-Göttingen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, dass sie sich im Jahr 1980, als damals 14-Jährige, aus eigenen Stücken für das „Semi“ entschieden habe. „Ich war in Stuttgart auf dem Evangelischen Mörike-Gymnasium und ich war fasziniert von dem Gedanken, auf ein Internat zu gehen, und fand Griechisch zu lernen unglaublich exotisch“, so Ruck-Schröder. Das Seminar sei für sie eine Schule der Freiheit gewesen, eine Schule, die sie angeregt habe, selber zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Nach ihrer Überzeugung müssen die Seminare Orte bleiben, „an denen Menschen exemplarisch miteinander lernen können, mit allen Konflikten, die dazu gehören, also evangelische Konfliktkultur einüben. Dazu könnte auch gehören, dass man interreligiöses Lernen stärker strukturell verankert, mit Angehörigen anderer Religionen als Schülerinnen und Schüler, um das Miteinander von Religionen und religiösen Haltungen und religiöser Praxis zu erlernen, das finde ich eine spannende zukunftsweisende Überlegung.“

Eberhard Fuhr, Bezirkspressebeauftragter im Evangelischen Kirchenbezirk Blaubeuren
16.10.2024

Drei Fragen an Adelheid Ruck-Schröder, Regionalbischöfin für den Sprengel Hildesheim-Göttingen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover (die Fragen hat Eberhard Fuhr gestellt): :

Warum haben Sie damals als 14-Jährige an das Seminar in Maulbronn und dann nach Blaubeuren gewechselt? War das Ihre Entscheidung oder die Ihrer Eltern?

Adelheid Ruck-Schröder: Das war auf jeden Fall meine eigene Entscheidung. Ich war in Stuttgart auf dem Evangelischen Mörikegymnasium und ich war fasziniert von dem Gedanken auf ein Internat zu gehen und fand Griechisch zu lernen unglaublich exotisch. Ich hatte meinen Vater dazu überredet, dass wir mal nach Maulbronn fahren und uns das anschauen und dann war ich endgültig begeistert und wollte unbedingt da hin. Meine Eltern fragten mich, warum ich aufs Internat möchte, da ich dort meine Freiheit aufgeben müsse. Daheim bist Du doch besser bedient. Aber ich hatte große Lust auf diese Schule zu gehen.

Was haben Sie vor allem aus dieser Seminarzeit für Ihr Theologiestudium und ihre beruflichen Stationen mitgenommen

Ganz äußerlich hatte ich alle drei Sprachen für das Theologiestudium gelernt, eine elegante Voraussetzung und habe davon sehr profitiert. Ich habe aber viel mehr mitgenommen. Das Seminar ist für mich eine Schule der Freiheit gewesen, eine Schule, die mich angeregt hat, selber zu denken, Verantwortung zu übernehmen. Damals wurde ein paritätisches Gremium eingerichtet, in dem Schüler und Lehrer Dinge der Schule gemeinsam besprechen und auch beschließen dürfen. Wir mussten auch unsere Freizeit selbst gestalten. Ich bin hier zur Eigenverantwortung angeregt worden und auch zu einem ganz freien Christsein. Wir haben unheimlich viel hinterfragt und durch die Lehrer wurden uns Welten erschlossen. Die Lehrer haben alle durch ihre Person ihr Fach repräsentiert und davon habe ich mein Leben lang profitiert. Für mich war die Botschaft, du darfst Dinge hinterfragen und grundlegende Fragen des Menschseins bedenken und das hat mich als Jugendliche begeistert.

Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht die Seminare in Maulbronn und Blaubeuren heute? Sind diese heute noch wichtig?

Eine gute Bildungslandschaft in einer pluralen Gesellschaft braucht Schulen, die ein Profil haben. Und die Seminare haben das Zeug dazu, ein evangelisches Profil abbilden zu können. Wir brauchen evangelisch geprägte Menschen in allen Bereichen und Berufen. Wir wurden damals nicht auf das Theologiestudium hin getrimmt. Uns wurden Horizonte eröffnet. Man wird sicher diskutieren müssen, wie das Profil der Seminare in Zukunft aussieht. Könnten die alten Sprachen erweitert werden vielleicht auch mit chinesisch? Ich glaube schon, dass man etwas Krasses und Exotisches machen muss. Da würde ich auch mutiger andere Dinge dazunehmen. Religion gehört aber auf jeden Fall zum Profil dazu.
Die Seminare müssen Orte bleiben, an dem Menschen exemplarisch miteinander lernen können, mit allen Konflikten, die dazu gehören, also evangelische Konfliktkultur einüben. Dazu könnte auch gehören, dass man interreligiöses Lernen stärker strukturell verankert, mit Angehörigen anderer Religionen als Schülerinnen und Schüler, um das Miteinander von Religionen und religiösen Haltungen und religiöser Praxis zu erlernen, das finde ich eine spannende zukunftsweisende Überlegung.

Eine Frage an Jochen Schäffler, Ephorus (Schulleiter) am Evangelischen Seminar in Blaubeuren (die Fragen wurden von Eberhard Fuhr gestellt).

Wie ist es dazu gekommen, dass Mädchen auch an das Seminar gehen können und als Schülerinnen aufgenommen werden? Zuerst war das ja in Schöntal und Urach und danach auch in Maulbronn und Blaubeuren möglich. Warum nicht schon früher?

Jochen Schäffler: Es sind eigentlich zwei historische Gründe. Der eine ist, dass der Zweck der Schule die Vorbereitung auf ein mögliches Theologiestudium ist. Deshalb war es über 400 Jahre eine reine Schule für Jungen, weil der Pfarrberuf in Württemberg bis Ende der 60er Jahre den Männern vorbehalten war. Und als man die Frauenordination einführte, Ende der 60er Jahre, hat man zuerst am Tübinger Stift Studentinnen zugelassen und dann konsequenterweise auch an den Seminarschulen Schülerinnen aufgenommen. Dies ist der eine Grund.

Der andere ist aber auch, dass man die Seminare attraktiv halten wollte. In den 60er Jahren gingen die Nachfrage zurück. Das hat damit zu tun, dass überall Progymnasien und Gymnasien errichtet wurden, sodass man überall Abitur machen konnte, ohne große Verkehrswege. Deshalb gingen die Anmeldezahlen an den Seminaren zurück. Man hat dann gedacht, dass es auch attraktiver für den Standort ist, wenn man auch Schülerinnen aufnimmt. Wie jede Schule muss man immer wieder überlegen, wie man attraktiv bleibt und genügend Schülerinnen und Schüler bekommt.

 


Edelfest 2023 "Zurück und in die Zukunft"

Nach 2 Jahren fand am 4. März wieder das traditionelle Edelfest der Klasse 12 statt.
Unter dem Motto „Zurück und in die Zukunft“ fanden sich Ehemalige und aktuelle Semis sowie Lehrende und Mitarbeiter im bemalten und geschmückten Neubau ein und begaben sich auf Zeitreise.

Es war ein schöner Abend mit Tanz, guter Laune und vielen Gesprächen – ein weiteres gelungenes Comeback nach der Corona-Zwangspause.

 

(Bilder: Jochen Schäffler)