„Hunde sind nicht zugelassen“ – solche Hinweisschilder sind noch heute an vielen Eingängen öffentlicher Schwimmbäder zu finden. „Für Juden keinen Zutritt“ – so der Wortlaut eines zweiten Schilds, das in der Zeit des Nationalsozialismus am Eingang des Blaubeurer Freibads hing. Wie es zu dieser schockierenden Gleichsetzung kam und welche Auswirkungen die NS-Diktatur darüber hinaus auf das Leben in Blaubeuren hatte, konnten die Seminaristinnen und Seminaristen im November des letzten Jahres beim „Stadtgespräch“ zum Thema „Blaubeuren in der Zeit des Nationalsozialismus“ erfahren. Dabei handelt es sich um eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung, die von Ephorus Dr. Henning Pleitner ins Leben gerufen wurde und nun zum fünften Mal stattfand. Neben dem Seminar waren auch die Stadt Blaubeuren, die katholische und die evangelische Gemeinde sowie der islamische Kulturverein an der Organisation beteiligt. Rund 200 Interessierte nahmen am „Stadtgespräch“ im Klosterkirchensaal teil.
Im Zentrum standen die Biographien von drei Blaubeurer Persönlichkeiten dieser Epoche. Eine Expertin und zwei Experten ließen ihre Lebensgeschichte lebendig werden. Die Schülerinnen und Schüler der Promotionen 2024-2028 und 2025-2029 hatten vorher auf Grundlage eigener Recherche im Geschichtsunterricht Fragen an die Expertenrunde vorbereitet.
Zu Beginn entwarf der ehemalige Lehrer und Blaubeurer Ehrenbürger Manfred Daur ein eindrückliches lokalhistorisches Panorama. Durch eine Monographie zum Nationalsozialismus in der Region und mehrere Stadtführungen zu diesem Thema hat er das Geschichtsbewusstsein der Stadt in den letzten Jahren wie kein zweiter geprägt. Er arbeitete eindrücklich heraus, wie die Machthaber zielstrebig demokratische Grundprinzipien einschränkten und das Leben in Blaubeuren nach ihren Vorstellungen umgestalteten. Dabei stellte er immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit werfe die Frage auf, „wie wir unsere Gegenwart gestalten wollen“. Daur warnte eindringlich vor Politikverdrossenheit und rief zum beherzten Einsatz für die Demokratie auf.
In der anschließenden Expertenrunde wurde deutlich, dass individuelle Lebenswege unter den damaligen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen unterschiedlich verlaufen konnten, die Diktatur aber in allen Fällen einen tiefen biographischen Einschnitt markierte.
Der Maler Hans Gassebner, von dem sein Neffe Dieter Gassebner berichtete, schuf 1928 das Ölgemälde „Die Klosteranlagen von den Bleichwiesen aus gesehen“ als Auftragswerk für den Sitzungssaal des Blaubeurer Rathauses. Weil er sich nicht mit den Machthabern arrangieren wollte, musste er 1933 mit seiner jüdischen Frau ins Ausland fliehen. Das Ölgemälde wurde zuerst übermalt und dann entfernt. Durch einen glücklichen Zufall gelangte es in die Schwimmbadgaststätte, wo es in der Nachkriegszeit wiederentdeckt wurde. Seit 1982 hängt es wieder im Sitzungssaal des Rathauses.
Ernestine Scheer setzte sich als SPD-Mitglied mehrere Jahrzehnte in der Kommunalpolitik für die Interessen ihrer Mitmenschen ein und unterrichtete an der örtlichen Volksschule. Die Expertin Stefanie Dispan stellte ihre bewegende Lebensgeschichte vor. Im Zuge der Verhaftungen von Regime-Gegnern nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde sie ohne juristische Begründung für mehrere Tage im Gefängnis festgehalten.
Michel Hermann erzählte von seinem Großvater Hans Hermann, der sich lebenslang in der christlichen Gemeinde engagierte und nach dem Krieg als Hausmeister und Fremdenführer am Evangelischen Seminar arbeitete. 1943 wurde er für mehrere Wochen inhaftiert. Die Nationalsozialisten warfen ihm „defätistische“ und „wehrkraftzersetzende“ Äußerungen vor, dabei hatte er nur öffentlich die Aussichtslosigkeit von Hitlers Kriegsplänen konstatiert. Dank der Fürsprache eines befreundeten ehemaligen Seminaristen im Offiziersrang ließ man ihn nach einigen Wochen wieder frei.
Im Anschluss gab es bei Fingerfood und Getränken die Gelegenheit zum Austausch. Die musikalischen Beiträge eines Blaubeurer Schülers und Mitglied des islamischen Kulturvereins auf der Mey-Flöte rundeten die Veranstaltung ab. In der Nachbesprechung im Geschichtsunterricht stellte sich heraus, dass besonders die lokalhistorischen Bezüge bei den Seminaristinnen und Seminaristen einen bleibenden Eindruck hinterließen.
Allen Seminaristinnen und Seminaristen, die zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben, gilt ein großer Dank! Einige sind besonders hervorzuheben: Marie Bayer, Judith Breitling und Vera Schmid (Promotion 2024-2028) haben die Präsentation entworfen und während der Veranstaltung bedient. Maja Fuhry und Katharina Voll (Promotion 2025-2029) sowie Lukas Bergholz und Remo Münzert (Promotion 2024-2028) haben die Fragen gestellt und die Diskussion souverän geleitet.
Janik Lauterjung