{"id":79238,"date":"2025-11-11T11:45:58","date_gmt":"2025-11-11T10:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/?p=79238"},"modified":"2025-12-02T15:38:41","modified_gmt":"2025-12-02T14:38:41","slug":"79238","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/2025\/11\/79238\/","title":{"rendered":"Hermann Hesse in Blaubeuren"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p>[vc_row][vc_column width=&#8220;1\/1&#8243;][vc_column_text uncode_shortcode_id=&#8220;124923&#8243;]<\/p>\n<h3>Hermann Hesse in Blaubeuren<\/h3>\n<h4>Die geheime Inspiration hinter &#8222;Narzi\u00df und Goldmund&#8220; entdeckt Hermann Hesses Blaubeuren-Besuche und ihre Spuren in Literatur und Leben: Ein Vortrag voller bewegender Einblicke und inspirierender Details.<\/h4>\n<p>\u201eMit Fug und Recht k\u00f6nnen wir behaupten, dass \u201aNarziss und Goldmund hier in Blaubeuren entstanden ist. Hesses Aufenthalte in Blaubeuren haben sein Werk ma\u00dfgeblich beeinflusst. Blaubeuren k\u00f6nnte zur Hesse-Stadt werden\u201c, so lautet das Fazit von Literaturwissenschaftler Dr. R\u00fcdiger Kr\u00fcger aus Halle\/Westfalen bei seinem Vortrag im Evangelischen Seminar Blaubeuren.<\/p>\n<p>Die Idee zu \u201e100 Jahre Hesse in Blaubeuren\u201c hatte Stephan Buck, G\u00e4stef\u00fchrer in Blaubeuren, spezialisiert auf Literaturf\u00fchrungen. Er besitzt eine Erstausgabe von Hesses \u201eN\u00fcrnberger Reise\u201c: Auf dem Titelbild ist das Kloster Blaubeuren zu erkennen, auf der ersten Innenseite die \u201eSch\u00f6ne Lau\u201c. Im G\u00e4stebuch des Seminars findet sich am 1. November 1925 die Originalunterschrift von Hermann Hesse. Ziel des Projekts war, den Einfluss von insgesamt f\u00fcnf Aufenthalten in Blaubeuren auf das Werk des Literatur-Nobelpreistr\u00e4gers zu erforschen, sein erster Besuch erfolgte 1925.\u00a0In Kooperation mit dem Evangelischen Seminar, der Volkshochschule und der Touristinfo entstand eine zweiteilige Veranstaltungsreihe \u201e100 Jahre Hesse in Blaubeuren\u201c, die manch Neues zu Hesse und seinem Werk zutage f\u00f6rderte und auf gro\u00dfes Interesse von Hesse-Fans aus der ganzen Region stie\u00df.<\/p>\n<p>Eine Klosterf\u00fchrung von Stephan Buck am Sonntagnachmittag f\u00fchrte direkt zum Hochaltar. Wichtig zur Gr\u00fcndung des Klosters an diesem Ort durch die Pfalzgrafen von T\u00fcbingen und die in Blaubeuren ans\u00e4ssigen Grafen von Ruck sei gewesen, dass \u201e30 Meter Luftlinie\u201c entfernt der Blautopf lag, also die Wasserversorgung des Klosters gesichert war. Durch den Johannesbrunnen im Klosterhof war bereits eine Kultst\u00e4tte vorhanden. Vor dem Hochaltar stellte Buck die Gesamtkomposition im Detail vor und beschrieb die Arbeit der 50 Bildhauer, Holzschnitzer, Maler, die sich in der \u201eUlmer Schule\u201c zusammengetan hatten. Der Ulmer Hochaltar fiel dem Bildersturm zum Opfer, der Blaubeurer Hochaltar konnte gerettet werden und z\u00e4hlt zu den beeindruckendsten Werken der Sp\u00e4tgotik.<\/p>\n<p>Sebastian Pfahler, ehemaliger Seminarist, heute Kirchenmusikstudent, bereicherte die Veranstaltung durch Orgelmusik von Bach und Mendelssohn und eine freie Improvisation zu Hesses Gedicht \u201eDer blaue Schmetterling\u201c.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil der Veranstaltung trug Dr. R\u00fcdiger Kr\u00fcger die Mikrogeschichte \u201eJohannes\u201c vor, &#8211; von ihm als Schriftsteller und PEN-Mitglied publiziert als \u201eSiegfried Carl\u201c. Mikrogeschichten sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, jedoch an historische Ereignisse ankn\u00fcpfend im Sinne eines \u201eso mag es gewesen sein&#8230;.\u201c. Die etwa f\u00fcnfzig Interessierten erfuhren auf diese Weise Hesses Motive seiner ersten Reise nach Blaubeuren: 1925 war er schon ein bekannter Schriftsteller, ging eigentlich ungern auf Lesereisen. Blaubeuren war die erste Station einer Bahnreise, die \u00fcber Ulm, Augsburg, M\u00fcnchen nach N\u00fcrnberg f\u00fchrte, es resultierte daraus das Werk \u201eDie N\u00fcrnberger Reise\u201c. Anlass seines Halts in Blaubeuren war ein Besuch bei seinem Jugendfreund Wilhelm H\u00e4cker, der seit 30 Jahren Lehrer am Evangelischen Seminar war.<\/p>\n<p>Ungleiche Freunde waren es, zeitweilig voneinander entfremdet aufgrund gegens\u00e4tzlicher Charaktere. Biografisch ging es Hesse im Herbst 1925 nach gescheiterter erster Ehe und problematischer zweiter Ehe nicht gut, er \u201edrohte abzust\u00fcrzen\u201c. Der Besuch im Seminar Blaubeuren weckte leidvolle Erinnerungen an seine eigene Schulzeit im Seminar Maulbronn, gepr\u00e4gt von obrigkeitlicher Regelkonformit\u00e4t und (damals \u00fcblichen) Z\u00fcchtigungserfahrungen, nur ein halbes Jahr blieb er dort. Hesse h\u00e4lt sich daher fern vom Blaubeurer Seminarbetrieb. Als M\u00f6rike-Verehrer begibt er sich jedoch auf die Spuren der \u201eSch\u00f6nen Lau\u201c, l\u00e4sst sich gar vom Hausmeister des Klosters in das Kellergew\u00f6lbe des Nonnenhofs f\u00fchren, in dem die Lau der Legende nach aufgestiegen sei, trifft jedoch nur auf einen \u201eBetondeckel\u201c.<\/p>\n<p>Sehr ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt er sich mit den ausdrucksstarken Schnitzereien des Hochaltars &#8211; sp\u00e4ter wird auch sein \u201eGoldmund\u201c zum Holzschnitzer. Der vollb\u00e4rtige Johannes der T\u00e4ufer weckt Assoziationen an seinen Vater Johannes, den strengen pietistischen Indienmissionar, der seinem erwachsenen, ber\u00fchmt gewordenen Sohn mit Unverst\u00e4ndnis begegnet. Die Darstellung der Gottesmutter Maria erinnert ihn an seine Mutter Marie, \u201edie gro\u00dfe Dulderin\u201c. Ein \u00fcberlieferter wirr-wunderlicher Traum mit all den Facetten des Blaubeuren-Besuchs kann r\u00fcckblickend als Grundidee zu Hesses Erz\u00e4hlung \u201eNarzi\u00df und Goldmund\u201c interpretiert werden.<\/p>\n<p>Nach einem \u201eIntermezzo\u201c von Mozart, vorgetragen von Seminarist Paul Graf am Piano, hie\u00df Ephorus Jochen Scheffler etwa f\u00fcnfzig Vortragsbesucher willkommen, unter ihnen auch heutige und ehemalige Seminaristen, und berichtete, dass die Seminaristen das \u201eHesse-Jubil\u00e4um\u201c schon einleitend begangen h\u00e4tten mit Hesses Lieblingsessen \u201eMaultaschen mit Kartoffelsalat\u201c und einer Besichtigung des ebenfalls von Hesse besichtigten Kellergew\u00f6lbes im Bandhaus. Mit der literaturwissenschaftlichen Einordnung von Hesses Blaubeuren-Besuchen war R\u00fcdiger Kr\u00fcger beauftragt.<\/p>\n<p>\u201eMeiner anf\u00e4nglichen Begeisterung f\u00fcr Siddharta und Steppenwolf ist Ern\u00fcchterung gewichen\u201c, fasste Kr\u00fcger seine pers\u00f6nliche Sicht auf Hesse zusammen und z\u00e4hlte biographische Stationen auf: Hesses Eltern waren Missionare in Indien, geboren wurde er jedoch in Calw. \u201eHesse ist nie warm geworden mit seiner Heimatstadt\u201c, konstatierte er, &#8211; doch diese vermarktet ihn touristisch und investiert gerade in ein gro\u00dfes \u201eHesse-Museum\u201c.<\/p>\n<p>Als Jugendlicher flieht Hesse aus dem Kloster Maulbronn &#8211; im Roman \u201eNarziss und Goldmund\u201c wird es zu \u201eKloster Mariabronn\u201c &#8211; ger\u00e4t in tiefe psychische Krisen, unternimmt einen Selbstmordversuch. Er absolviert eine Buchh\u00e4ndlerlehre, arbeitet nebenbei literarisch, ver\u00f6ffentlicht 1904 \u201eCamenzind\u201c, 1906 \u201eUnterm Rad\u201c zur Verarbeitung seiner Kindheit und Jugend.<\/p>\n<p>Zeitungspublikationen zum Broterwerb ver\u00f6ffentlicht Hesse unter dem Pseudonym Emil Sinclair. Drei S\u00f6hne hat er mit seiner ersten Ehefrau Maria Bernouili, \u201eeiner tollen Photographin\u201c, die an Schizophrenie erkrankt. Hesse verl\u00e4sst extrem belastet die Familie, beginnt nach einem Nervenzusammenbruch mit einer Psychotherapie.<\/p>\n<p>Hesse selbst war im Gegensatz zu seinen Missionarseltern nie in Indien, war jedoch gepr\u00e4gt durch famili\u00e4re Erz\u00e4hlungen und intensiver Besch\u00e4ftigung mit Buddhismus und Hinduismus. In seinen B\u00fcchern \u201eSiddharta\u201c (ver\u00f6ffentlicht 1922) und \u201eSteppenwolf (1927)\u201c arbeitet er psychische Verwicklungen, Zerrissenheit und Scheitern auf: \u201eEr hat sich alles von der Seele geschrieben\u201c (Kr\u00fcger). Beide Romane wurden zu Kultb\u00fcchern westlicher Jugendbewegungen in den 60er, 70er, 80er Jahren, &#8211; weitverbreitet in den USA.<\/p>\n<p>Bereits 1924 wird Hesse Schweizer Staatsb\u00fcrger, heiratet die aus wohlhabender Familie stammende Ruth Wenger, Scheidung nach drei Jahren. Gl\u00fccklich scheint seine dritte Ehe, ab 1931, mit Ninon Dolbin. Er schreibt von 1932 bis 1943 das \u201eGlasperlenspiel\u201c, &#8211; \u201esein bestes, sehr vielschichtiges Werk\u201c (Kr\u00fcger). Von 1939 bis 1945 geh\u00f6rte Hesse zu den unerw\u00fcnschten Autoren in Nazi-Deutschland.<\/p>\n<p>Als Schweizer erh\u00e4lt er 1946 den Literaturnobelpreis f\u00fcr sein \u201ehumanistisches, spirituelles und zeitloses Werk\u201c, &#8211; ein Signal an die Nachkriegswelt -, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.<\/p>\n<p>Das Fazit des Literaturwissenschaftlers: In Blaubeuren f\u00fchlte sich Hesse wohl in seiner auch sprachlich vertrauten schw\u00e4bischen Heimat, ist angekommen in der Erlebnis- und Gedankenwelt seiner Jugend, in der m\u00e4rchenhaft-inspirierenden Unterwelt der \u201eSch\u00f6nen Lau\u201c. Hesse schrieb: \u201eAlles besuchten und besahen wir mit Liebe, den ber\u00fchmten Altar, das Chorgest\u00fchl, die entz\u00fcckenden Gew\u00f6lbe.\u201c Er ist in Blaubeuren eingetaucht in die Aura des Klosters und wird inspiriert: \u201eAngetr\u00e4umt\u201c hat er \u201eNarzi\u00df und Goldmund\u201c, handelnd von gegens\u00e4tzlichen Jugendfreunden, sein Held Goldmund ist ein Holzbildhauer aus der Zeit um 1400.<\/p>\n<p>Der Referent erhielt lang anhaltenden Beifall f\u00fcr seinen vielschichtigen, unterhaltsamen Vortrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ilse Fischer-Giovante, Schw\u00e4bische Zeitung, 11.11.2025<\/em><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column width=&#8220;1\/1&#8243;][vc_column_text uncode_shortcode_id=&#8220;124923&#8243;] Hermann Hesse in Blaubeuren Die geheime Inspiration hinter &#8222;Narzi\u00df und Goldmund&#8220; entdeckt Hermann Hesses Blaubeuren-Besuche und ihre [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":79180,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-79238","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79238"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79287,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79238\/revisions\/79287"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/79180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}