{"id":78669,"date":"2024-06-28T11:54:02","date_gmt":"2024-06-28T09:54:02","guid":{"rendered":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/?p=78669"},"modified":"2025-02-05T14:36:19","modified_gmt":"2025-02-05T13:36:19","slug":"theater-der-besuch-der-alten-dame","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/2024\/06\/theater-der-besuch-der-alten-dame\/","title":{"rendered":"Theater: Der Besuch der alten Dame"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"tw-text-headline-lg [&amp;&gt;a]:tw-text-neutral-10 tw-pt-3 sm:tw-text-headline-sm tw-break-words\" style=\"font-style: normal; font-variant-caps: normal; letter-spacing: normal; orphans: auto; text-align: start; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: auto; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; text-decoration: none; box-sizing: border-box; border: 0px; font-size: 2rem; font-weight: bold; margin: 0px; color: #191c1e; padding: 0.75rem 0px 0px; overflow-wrap: break-word; line-height: 1.375; caret-color: #191c1e; font-family: Ubuntu, sans-serif;\">Inszenierung in Blaubeuren \u00fcberzeugt Publikum<\/h1>\n<h4>Die allj\u00e4hrlichen Theaterauff\u00fchrungen des Evangelischen Seminars Blaubeuren sind schon lange ein Geheimtipp f\u00fcr die Theaterliebhaber in der Region. Da sind Profis am Werk, drei Auff\u00fchrungen sind ausverkauft, das ganz besondere Ambiente des mittelalterlichen Klosterdorments gibt seinen Charme dazu.<\/h4>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Wer h\u00e4tte gedacht, dass D\u00fcrrenmatts Klassiker \u201eDer Besuch der alten Dame\u201c derart aktuell und spannungsreich inszeniert werden k\u00f6nnte? Ein gro\u00dfes Erlebnis f\u00fcrs Publikum &#8211; und gewiss auch f\u00fcr die Mitwirkenden. Regisseur war Sebastian Gengnagel.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">In seiner Begr\u00fc\u00dfung teilte Ephorus Jochen Sch\u00e4ffler, der gelegentlich auch in die Rolle eines Mitspielers schl\u00fcpfte, mit, dass der Auff\u00fchrung eine zweite, 1966 entstandene, Fassung des St\u00fccks zugrunde liege. Er brachte seine Freude \u00fcber dieses Gemeinschaftsprojekt zum Ausdruck, zwei Drittel der Sch\u00fcler seien beteiligt in verschiedenen Funktionen, die B\u00fchnenmusik sei selbst erarbeitet und eingespielt.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Das dreidimensionale B\u00fchnenbild, entstanden im Kunstunterricht unter Leitung von Isabel Fuchs, passt farblich hervorragend ins historische Ambiente und zeigt verwinkelte Kleinstadtgassen. Die erste Szene zeigt drei am Bahnhof Wartende, die Zeitung lesend in heruntergekommenen Klamotten, stocksteif in Originaluniform steht dabei der Bahnhofsvorsteher. Die Kleinstadt, in der sie leben, schildern sie als ruiniert: Lautmalerisch hei\u00dft sie \u201eG\u00fcllen\u201c, die meisten Bewohner leben von \u201eSuppenk\u00fcchen\u201c. \u201eH\u00f6chste Zeit, dass die Milliard\u00e4rin, Besitzerin von \u00d6lvorkommen, Railway-Linien, Vergn\u00fcgungsvierteln in Bangkok, eintrifft\u201c, konstatieren sie zigarettenrauchend. Denn sie ist eine \u201eHiesige\u201c, aufgewachsen in G\u00fcllen, in der weiten Welt bekannt als Wohlt\u00e4terin.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Ein \u201egro\u00dfer Bahnhof\u201c ist geplant, mit Rede vom B\u00fcrgermeister und \u201e\u00c4nnchen von Tharau\u201c des gemischten Chores sowie einer Pyramide des Turnvereins. Doch grotesk: Die Milliard\u00e4rin trifft fr\u00fcher ein als erwartet, hat die Notbremse gezogen, besticht gleich mal den Bahnhofsvorsteher. Sie reist an mit Gefolge: einem Butler, zwei Eunuchen \u201eKoby und Loby\u201c, zwei S\u00e4nftentr\u00e4gern \u201eRoby und Toby\u201c, einem schwarzen Panther im K\u00e4fig und ihrem Ehemann &#8211; und einem Sarg. Schon in der ersten Szene wird klar, mit wie viel Liebe zum Detail in dieser Inszenierung in die Ausstattung erfolgte: stimmige Kost\u00fcme, ein perfekt bemalter Sarg. Nelly Tuda verk\u00f6rpert ausdrucksstark die heimgekommene Klara, jetzt hei\u00dft sie \u201eClaire\u201c: Sie ist sch\u00f6n, eine Mischung aus Arroganz, K\u00e4lte, Grausamkeit, fr\u00fch entt\u00e4uschten Erwartungen. Sanft wird sie nur an den Erinnerungsorten mit Alfred Ill (wei\u00dfes T-Shirt, schwarze Hose, hellblaues Jacket, meist zigaretterauchend) &#8211; mit Friedrich Schenk ebenfalls gro\u00dfartig besetzt. Er beherrscht alle Nuancen der Wandlung vom siegessicheren Ex-Liebhaber zum gescheiterten, reum\u00fctig bekennenden B\u00fc\u00dfer.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Nach Plan sucht das fr\u00fchere Liebespaar fr\u00fchere \u201eOrte der Leidenschaft\u201c auf: Unter anderem einen Wald, in dem die B\u00e4ume sich ausdauernd und eindrucksvoll im Wind wiegen, selbst ein geschnitztes Herz \u201eAC\u201c ist von der Ausstattung gefertigt worden. Claire Zachanassian vereitelt die Pl\u00e4ne auf schnellen Wohlstand der Kleinstadt und ihrer B\u00fcrger. Sie hat eine alte Rechnung offen mit Alfred, der sich vor Jahrzehnten nicht zu seiner Vaterschaft bekannte, vor Gericht sogar zwei falsche Zeugen vorf\u00fchrte und Klara dadurch aus der Heimatstadt und in die Prostitution vertrieb, das Kind verstarb \u201ein der christlichen F\u00fcrsorge\u201c. Sie schl\u00e4gt den B\u00fcrgern einen grausamen Deal vor: Sie stiftet eine Milliarde, davon 500 Millionen f\u00fcr die Stadt, 500 Millionen f\u00fcr die B\u00fcrger. Ausgezahlt wird nach der T\u00f6tung von Alfred.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Hervorragend kommt in der Inszenierung zum Ausdruck, wie die anf\u00e4ngliche Stimmung einer klaren Ablehnung langsam kippt. Immer wieder wird der Sarg durchs Bild getragen, Kr\u00e4nze werden angeliefert. Die Zuschauer nehmen begleitend \u201eSpiel mir das Lied vom Tod\u201c wahr. Alfred betreibt mit seiner Familie einen kleinen Laden, der langsam einem Ruin zutreibt. Seine Mitb\u00fcrger kaufen teure Waren nur noch auf Kredit, alle haben pl\u00f6tzlich Geld f\u00fcr neue Schuhe. Der soziale Druck auf Alfred w\u00e4chst: Der Pfarrer (Laura Gelhaar) fl\u00fcchtet sich in Allgemeinpl\u00e4tze, r\u00e4t ihm zur Flucht, doch mit Koffern am Bahnhof bricht er zusammen. Der B\u00fcrgermeister (nuancenreich verk\u00f6rpert von Ella Bischofberger) r\u00fcckt rasch von seiner Loyalit\u00e4t ab, der Fleischermeister (Sebastian Gengnagel) h\u00e4ndigt Alfred ein geladenes Gewehr aus. Dem Anschein nach l\u00e4sst sich auch seine eigene Familie kaufen: die Kost\u00fcmbildner sorgten symbolisch f\u00fcr einen edlen Wintermantel f\u00fcr die Frau und ein schickes Kleid f\u00fcr die Tochter. Der Polizist (Pia Gerhardt) verk\u00f6rpert sehr \u00fcberzeugend Gesetzestreue. Auch der Lehrer (Charlotte Hantel) ger\u00e4t ins Wanken, nicht nur wegen des ausgeschenkten \u201eSteinh\u00e4gers\u201c: \u201eDer Glaube an die Humanit\u00e4t ist machtlos\u201c.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Im Lauf der Handlung wird deutlich, dass Claire ihren Rachefeldzug von langer Hand geplant hat: Die falschen Zeugen von damals hat sie erblindet und als ihre beiden Eunuchen Koby und Loby eingestellt: mit schwarzen Sonnenbrillen, alle S\u00e4tze wiederholend, intensiv verk\u00f6rpert von Annelie Brandt und Paula Burkhardt. Den Richter hat sie mit viel Geld aus dem Amt gelockt und zu ihrem Butler gemacht: Marvin Graser brilliert souver\u00e4n in dieser Rolle eines \u201eErgebenen\u201c. Ihre Leibw\u00e4chter Toby und Roby sind Ex-Strafgefangene, dauer-kaugummikauend cool interpretiert von Valentina Dourado Braungart und Timea Coy. Ihre Agenten haben die Firmen der Stadt aufgekauft und damit zur Gesamtverarmung beigetragen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Eine Gemeindeversammlung mit Medienvertretern beschreibt \u201eeine gewisse Zwangslage der Stadt\u201c &#8211; das St\u00fcck endet mit der T\u00f6tung Alfreds durch die Mitb\u00fcrger. Die Presse und herbeigeeilten TV-Journalisten interpretieren den Tod Alfreds als \u201eTod aus Freude\u201c, das Volk sieht weg. Gedeutet werden kann das St\u00fcck als moderne Kapitalismuskritik: Ist Gerechtigkeit k\u00e4uflich?<\/p>\n<p>(Ilse Fischer-Giovante f\u00fcr die Schw\u00e4bische <a href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/regional\/ulm-alb-donau\/blaubeuren\/inszenierung-in-blaubeuren-ueberzeugt-publikum-2641365\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.schwaebische.de\/regional\/ulm-alb-donau\/blaubeuren\/inszenierung-in-blaubeuren-ueberzeugt-publikum-2641365<\/a> )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inszenierung in Blaubeuren \u00fcberzeugt Publikum Die allj\u00e4hrlichen Theaterauff\u00fchrungen des Evangelischen Seminars Blaubeuren sind schon lange ein Geheimtipp f\u00fcr die Theaterliebhaber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":78724,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,183,184,186],"tags":[],"class_list":["post-78669","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-theater","category-kultur","category-veranstaltungen-im-dorment"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78669"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79011,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78669\/revisions\/79011"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/78724"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/seminar-blaubeuren.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}